Lauschbetrieb



Die Ungerechtigkeit des Wissens

„Mit deinen Abinoten stehen dir doch alle Türen offen!“

„Mit deinem Durchschnitt kannst du dir doch aussuchen, wohin du gehst!“

Dinge, die ich in den letzten Wochen und Tagen zur Genüge gehört habe und immer weniger selber glaube. Ich habe in den letzten zwei Jahren hart (mal mehr und mal weniger) gearbeitet und habe mich nicht geschert um den Ruf des arroganten Strebers. Ich habe viel intensive Arbeit in mein Abitur gesteckt und an Wochenenden, wo andere betrunken auf einer Party die Zeit ihres Lebens hatten, an meinem Schreibtisch gesessen und gelernt. In meiner restlichen doch sehr knapp bemessenen Freizeit habe ich gearbeitet um mir zumindest einige Annehmlichkeiten meiner Jugend leisten zu können, doch für was??
Ich habe zwei Jahre lang Geflüster hinter meinem Rücken ertragen ohne auch mit der Wimper zu zücken, weil ich wusste, dass „meine Streberei“ mich am Ende mich weiter bringen wird als andere. Nun nachdem ich endlich die letzten zwei Jahre meiner nicht sehr erinnerungswerten Schulzeit hinter mich gebracht habe, hat es sich auf meinem Abiturzeugnis bezahlt gemacht. Ich war besser als die beliebtere und strebsamere Schülerin neben mir (denn Schönheit kann übermäßige Streberei ausgleichen) und musste seither noch mehr Tuscheleien über mich ergehen lassen als vorher. Aber mich hat es bis heute nicht sonderlich gestört, weil ich immer ein Ziel vor Augen hatte. Ich wollte Karriere machen. Zwar war ich mir manchmal unsicher in welcher Fachrichtung, doch ich wusste genau mit meinem Durchschnitt könnte ich mir jede Tür öffnen, wenn ich wollte.
Genau das hat mein Durchschnitt im Endeffekt auch getan. Ich kann auf die wohl beste Wirtschaftsschule in Deutschland gehen und gleich ab Oktober für zwei Jahre in Dublin durchstarten. Doch was nützt mir diese einmalige Chance, wenn ich sie nicht bezahlen kann?! Das Leben in Irland (besonders Dublin) ist nicht preiswert und die neu eingeführten Studiengebühren kommen auch noch hinzu. Wie soll ich das finanzieren?? Der liebe Staat gönnt mir keinen Pfennig (oder wohl eher Cent) und meine lieben Eltern müssen auch von etwas leben. Stipendien sind knapp bemessen und sind keine ausreichende Quelle für zwei Jahre in Irlands Hauptstadt.
Immer mehr habe ich das Gefühl, dass man unheimlich arm oder unheimlich reich sein muss um sich in diesem Staat bilden zu können oder eine Karriere anstreben zu können. Der Mittelstand ist auf sich gestellt und muss zusehen. Da bleibt einem nur die Möglichkeit „Studienkredit“ und man darf gleich mit einem gigantischen Berg Schulden ins Berufsleben starten, denn neben dem Studium arbeiten wird wohl kaum reichen um überhaupt jede Woche etwas Warmes zu essen zu haben. Also leiden wegen des nebenher Arbeitens auch noch die Studienleistung und die Tilgung des Schuldenberges wird immer unwahrscheinlicher, denn wer stellt schon einen Absolventen mit schlechtem Abschluss ein??
So sitze ich hier nun und habe die Chance meines Lebens, nur kann ich sie nicht bezahlen. Bildung ist schon lange keine gleichberechtigte Sache mehr, sondern steht nur den Armen und Reichen zur Verfügung. Doch wo bleibe ich in diesem Staate, trotz des guten Abschlusses werde ich zur immer dazu verdammt sein dem Mittelstand anzugehören … wozu habe ich nun also die Höhle Schule durchleiden müssen, wenn mir meine Leistung am Ende doch nichts bringt?


Kommentare

  1. nikosch sagt:

    Hey komm schon! Wenn ‘Karriere machen’ Dein erklärtes Ziel ist, dann bekommst Du das mit dem Studienkredit auch hin. Aber such Dir ein Studium aus, auf das Du wirklich Lust hast! Denn wenn finanziell schon alles Mist ist, dann sollte wenigstens aus Deinen Zielen eine gewisse Motivation entspringen das jetzt durchzuziehen….
    Lass Dich nicht unterkriegen.
    –n

    Verfasst 2 years, 3 months ago


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